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Ein Blick auf das Innere des haitianischen Vodou

Vodou in HaitiDie haitianische Vodou Religion ist für seine dramatischen Rituale, hypnotisches Trommeln und Singen, frenetisches Tanzen und Anfälle von Besessenheit bekannt; die persönliche Mystik des Vodou, jedoch wird nur selten beschrieben. Nan Domi (City Lights Books, 2013) von Mimerose Beaubrun ist anders. Beaubrun konzentriert sich auf die internen, mystischen Dimension des haitianischen Vodou und bietet einen Insider-Bericht über seine Geheimnisse.


Der folgende Auszug stammt aus dem Vorwort von Madison Smartt Bell

Seit Europa (und später die Vereinigten Staaten) zum ersten Mal damit Bekanntschaft machten, ist haitianisches Vodou nur durch seine dunkelste, unheimlichste Seite bekannt und populär. Das Missverständnis ist sehr schwer; es ist so, als würde man eine Definition des Christentums verkünden, zur Gänze basierend auf einer Beschreibung des Satanismus. Wie so viele falsche Bilder dieser Art, beruht dieses gespenstische Bild von Vodou auf Unverständnis und Angst.

Antike zeremonielle VodoutrommelDie spektakulären Erscheinungsformen der Ausübung von Vodou - hypnotisches Trommeln und Singen, das zu frenetischem Tanzen führt, das wahrscheinlich (und beabsichtigt) seinen Höhepunkt in gewalttätig wirkenden Anfällen von Besessenheit gipfelt, sind für den europäischen Geist und seine Nachkommen abstoßend. Seit Europa begann nach Afrika durchzudringen, haben weiße Entdecker und Reporter solche Szenen unter der Rubrik "wilde Riten" mit Hinweisen oder gar Vorwürfen des Kannibalismus gespickt, beschrieben, letzteres nur selten durch Tatsachen gerechtfertigt.

Es ist eine sehr allgemeine menschliche Angewohnheit, bei allem was fremd zu sein scheint, Alarm zu schlagen und es dann, mit Hilfe von Regeln der geistigen Polarisierung, die keineswegs einzigartig für das Christentum sind, abzustoßen, indem man es als teuflisch bezeichnet. Und um sicher zu sein, hatten diese teuflischen Definitionen schon immer ihre politischen Motive. Die Ideologie der Eroberung und des Kolonialismus erfordert es, dass die Eroberten und Kolonialisierten, als unaufgeklärt und unzivilisiert dargestellt werden und, wenn möglich, sogar noch etwas weniger als ein Mensch.

Afrikanische Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen in Saint DomingueUm den Sklavenhandel zu rechtfertigen ist es hilfreich, diejenigen, die als unglückliche Heiden in der hoffnungslosen Notwendigkeit der Erlösung durch ein militantes Christentum versklavt wurden, mit Peitschen und Ketten ausgestattet zu sehen. Seit Jahrhunderten verwendet Europa diese rhetorische Mittel um sich in eine sichere Entfernung zu Afrika zu bringen. Deshalb, wenn ein Blanc (in der haitianischen Nomenklatur werden alle nicht-Haitianer als Blanc bezeichnet, wie auch immer die Farbe ihrer Haut ist), Vodou zum ersten Mal begegnet, sind die psychologischen Reflexe ihrer Reaktion bereits vorhanden. . . und waren es schon seit Jahrhunderten.

Wir wurden gut instruiert, das Fremde zu fürchten. Und doch, wenn Vodou beunruhigend für den europäischen Geist ist, liegt dass teilweise daran, dass es schlussendlich doch nicht so fremd ist. Das Beben, mit dem Vodou uns in die in den älteren tieferen Wurzeln unseres Gehirns vordringen lässt, ist ein Impuls der atavistischen Erinnerungen, eine Reaktion auf alte, ursprüngliche religiösen Impulse, die besser als "ursprünglich" denn als "primitiv zu bezeichnen sind. Wenn also die Misik Rasin Gruppe Boukan Ginen singt, dann singt sie ebenso von diejenigen von uns, die europäischer Abstammung sind, wie von sich selbst. Lafrik se lakay tou neg. Im haitianischen Sprachgebrauch bedeutet "Nèg" nicht "schwarz", sondern "Mensch"; der "Blanc" wird als potenziell monströser Fremder distanziert. Wenn alle Menschen ursprünglich aus Afrika stammen, dann ist Afrika zwangsläufig die Heimat aller Menschen.

Bartolome de Las CasasDer spanische Priester Bartolomé de Las Casas, der neben vielen anderen Dingen eine Art von Ur-Befreiungstheologe war, war nicht allein in der Annahme, dass die Afrikaner nach Hispaniola transportiert wurden um die einheimischen Taino Menschen zu ersetzen, die die Konquistadoren durch Sklavenarbeit fast vollständig ausgerottet haben. Las Casas hatte eine Bevölkerung von über einer Million Tainos gesehen, reduziert in nur 30 Jahre auf weniger als zehntausend. Er lag falsch darin, zu hoffen, dass der Austausch von Afrikanern gegen die Indianer vielleicht den Rest der letzteren retten könnte, die trotz allem nicht überlebten. Aber seine enttäuschte Hoffnung half, das Rinnsal von afrikanischen Sklaven in Richtung Neue Welt, in eine Flut zu verwandeln.

Die heutige Haiti, das westliche Drittel der Insel Hispaniola, wurde im Vertrag von Rijswijk 1697 von Spanien an Frankreich abgetreten. Das Französischische Saint Domingue, als das die Kolonie bekannt war, wurde bald der wichtigste Produzent von Zucker und Kaffee in der gesamten westlichen Hemisphäre - Frankreichs bei weitem reichster Überseebesitz. Der Reichtum wurde von afrikanischen Sklaven geschaffen; als die Französische die Revolution im Jahre 1789 ausbrach, zählten sie etwa eine halbe Million. Die Bedingungen der Sklaverei in Saint Domingue waren außerordentlich hart, Sklaven, die nicht buchstäblich zu Tode gearbeitet wurden, neigten dazu, Selbstmord zu begehen. Das ging so weit, dass die Sklavenbevölkerung bei weitem nicht dazu kam, sich selbst zu reproduzieren.

Westafrikanischer Religionen beeinflussen Haitis Religion und SpracheZwischen 1784 und 1790 wurden rund 220.000 Sklaven in die Kolonie importiert, nur um eine stabile Belegschaft zu halten. Im Jahre 1791, als die haitianische Revolution ausbrach, waren zwei Drittel der Sklaven von Saint Domingue, in der Tat in Afrika geboren worden. Die meisten wurden von der westafrikanischen Küste, aus den Königreichen von Benin und Dahomey, verschifft. Sie kamen aus vielen verschiedenen Kulturen und Stämmen: Senegalesen, Yolof, Bambara, Mandingo, Arada, Ibo, Nago und Kongo, um nur einige zu nennen.

Die Sprachen dieser verschiedenen Gruppen waren zum größten Teil gegenseitig unverständlich. Ihre Religionen, wenn auch im Detail unterschiedlich, genutzten gemeinsame Grundlagen. Die weißen Land- und Sklavenhalter, zahlenmäßig unterlegen in ihrem beweglichen Gut mit einem Faktor von 12 zu 1, unternahmen einige Anstrengungen, Sklaven aus verschiedenen Stämmen durcheinander zu mischen, damit es für sie schwieriger war, sich untereinander zu unterhalten oder sich gegen ihre Herren zu verschwören.

Vodoumaske - Afrikanische Religionen beeiflussten die Haitianische Sprache und ReligionGleichzeitig aber war ein Mittel zur Kommunikation mit allen Sklaven notwendig. Die Lingua franca der Kolonie war ein Dialekt, beschrieben in einem Handbuch des zwanzigsten Jahrhunderts als das, was man erwarten würde, was nötig sei, um einer halben Million Afrikanern Französisch durch Hören beizubringen, jedoch ohne ihnen eine der Regeln zu erklären. In der Theorie beabsichtigten die Französischen Kolonisten ihre Sklaven in den Schoß der katholischen Kirche zu bringen, aber in Wirklichkeit war das evangelische Programm ziemlich schwach, vor allem nach der Jesuitenorden, wegen des Verdachts der übermäßigen Sympathie für die Sklaven von Saint Domingue vertrieben wurde.

Die Sklaven hatten etwas Kontakt zum Katholizismus und integrierten viele Aspekte des Heiligenkults in ihre eigenen Überzeugungen und Praktiken, die mehr in der Theorie als in der Tat verboten waren. Die Sklavenhalter tolerierten Versammlungen von Sklaven zum Zwecke des Trommelns, Singens und Tanzens - diese Calenda, wie sie genannt wurden - wurden als nützlich angesehen, um die Spannungen, die sich sonst in einem Sklavenaufstand ausdrücken hätten können, den alle weißen Kolonisten durchaus fürchteten, abzubauen. Diese Versammlungen wurden offiziell als völlig weltliche "Volkstänze" gesehen, obwohl zeitgenössische Beschreibungen von Weißen zeigen, dass zumindest einige der Kolonisten sehr gut um die religiöse Dimension dieser Tänze wusste.

Zereminie Bois CaimanAm 14. August 1791 fand ein geheimes Treffen (geheim vor den Weißen) in einem Wald namens Bois Caïman an der Grenze der Plaine du Nord, dem reichsten Zuckeranbaugebiet von Saint Domingue, statt. Die schriftlichen historischen Aufzeichnungen (niedergeschrieben natürlich durch die Europäer) stellten fest, dass bei diesem Treffen ein allgemeiner Aufstand der Sklaven geplant wurde, dessen Ausbruch die erste Explosion der Revolution war, die zehn Jahre später dazu führen würde, Haiti unabhängig zu machen und die Plantagen der Plaine du Nord innerhalb der ersten paar Tage in Schutt und Asche zu legen. Die haitianische mündliche Tradition hält, mit gleicher, wenn nicht sogar stärkerer Überzeugung fest, dass das Herzstück des Treffens in Bois Caïman, eine große Vodou-Zeremonie war, in der der gesamte Pantheon der unsterblichen Geister gerufen wurde, um die Revolution zu unterstützen und zu inspirieren.

Die Vereinbarung des Treffen in Bois Caïman tendiert zur Aufteilung in eine scharfe rassische und kulturelle Grenzlinie. Für die Europäer und ihre Nachkommen, ist das wichtigste daran der teuflische Plan, die Plantagen dem Erdboden gleichzumachen und die weiße Bevölkerung - wenn möglich in ihrer Gesamtheit - zu massakrieren, eine Handlung durch ein Blutopfer besiegelt und möglicherweise angestiftet von echten Teufeln, an den Ort des Geschehens geholt durch die Kräfte der afrikanischen Zauberei.

Sklavenaustand in HaitiFür die Haitianer aber ist die Schlachtung der Blancs (von denen die Sklaven nur wneig Grund hatten, sie als Menschen wie sie selbst zu betrachten), ein relativ unbedeutendes Nebenprodukt des Ereignisses, deren eigentlicher Zweck es war, eine Haitianische Nationalidentität zu schaffen, komplett, nicht nur mit einem gemeinsamen revolutionären Zweck, sondern auch mit einer gemeinsamen Sprache - Haitianischem Kreyol - und einer gemeinsamen Religion -Vodou.

In der historischen Wirklichkeit muss die Entwicklung des Kreyol aus dem Kontakt der zahlreichen afrikanischen Sprachen mit Französisch und dem Zusammenwachsen von Vodou aus verschiedenen afrikanischen Religionen mit einem gemeinsamen Engagement in Katholizismus sehr viel länger gedauert haben, aber (wie die Schöpfungsgeschichte aus der Genesis) lässt es die Legende von Bois Caïman in einem momentanen Aufblitzen einer enormen geistigen Kraft geschehen.

Angesichts der Massaker, die Teil der unmittelbaren praktischen Ereignisse waren, ist es verständlich, dass die Blancs diese Geschichte erschreckend finden müssen - aber für die Haitianer ähneln sie am ehesten der Bergpredigt.

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