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Ich bin eine Frau aus Haiti

Frau sein in Haiti ist sehr schwierigAls Frau, geboren in der Hauptstadt von Haiti, Port-au-Prince vor rund 30 Jahren und hier im Land aufgewachsen, wird man unweigerlich damit konfrontiert, was es heißt Frau zu sein in diesem Land, meiner Heimat.

 

Die Situation der Frau, damit soll nun nicht die Minderheit der privilegierten Oberschicht geschildert werden, sondern der über 90 Prozent der Frauen die hier im Land leben, kann man ohne ein Wehklagelied verfassen zu wollen, als schwierig und kritisch bezeichnen. Denn Frauen spielen und spielten hier immer eine untergeordnete Rolle und dies in allen Bereichen. Ob nun in der Wirtschaft allgemein, dem Arbeitsplatz, bei der Gesundheitsversorgung, im Bildungsbereich und auch in oder vor der Justiz. Das war vor dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 schon so und ist mit ein Grund warum es zu so vielen Vergewaltigungen kam in den Notcamps nach dem Beben, die zudem noch kaum jemanden interessierten oder berührten.

Frau sein HaitiDie Frauen in Haiti, das darf man ruhig behaupten, sind ein Gebrauchsartikel, weil die Wertschätzung so tief liegt, dass sich die Mehrheit über die Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle der Frauen hinweg setzen und es auch nicht erwünscht ist, das man darüber spricht oder berichtet. Seitens der Frauen ist man ja auch schon geneigt zu schweigen, denn man will nicht noch mehr Probleme als der Alltag eh schon in sich birgt.

Aus dieser fehlenden Wertschätzung heraus resultiert schlussendlich auch der Umstand, dass sehr viele Frauen alleine mit mehreren Kindern leben. Diese Kinder sind meist nicht von demselben Mann. Oft hat eine Frau in Haiti vier, fünf oder mehr Kinder, im Durchschnitt 6!  und dies von drei verschiedenen Männern gezeugt.

Die ersten Kinder entspringen aus einer Beziehung wo die Frau jung, attraktiv ist und sie ihrerseits an die Gefühle und den Anstand des Mannes glaubt. Denn jede Frau wünscht sich eine Familie, Kinder und einen fürsorglichen Vater. Dieser seinerseits sucht aber nach einer gewissen Zeit wieder sein Vergnügen und überlässt die Frau und die Kinder kurzerhand ihrem Schicksal.

Frau sein HaitiDer nächste Mann ist dann meist wirtschaftlich bedingt. Die Frau muss Ihr Kind durchbringen und hofft dies dann mit dem nächsten Mann zumindest für einige Zeit auch tun zu können. So dann auch beim nächsten.....  denn sehr schnell verliert die Frau in Haiti die Illusion, das es Ihr nun nicht so geht wie dem groessten Teil aller Frauen in diesem Land, welche schlussendlich mit allen Mitteln versuchen müssen die Familie durchzubringen.

Rechtlich könnte man rein theoretisch dagegen vorgehen, aber eben nur theoretisch. Die Praxis sieht da ganz anderweitige Abläufe vor. Es wird kaum geheiratet in Haiti. Von den Paaren die zusammen lebten, waren früher in der Regel gerade einmal 6 Prozent verheiratet. Durch die Verbreitung der Kirche erhoffte man sich da eine deutliche Verbesserung. Immerhin ist die Ehe ein schützenswertes Relikt. Doch mehr als 12 Prozent schaffte auch der kirchliche Einfluss nicht.

Das freie Zusammenleben ist in Haiti die häufigste Form, in Haiti auch unter dem Namen ‘’plasaj’’ bekannt.  Mehr als 40 % sind laut Statistik alleinerziehende Frauen. Man kann aber davon ausgehen, das es eher mehr sind. Würde mehr geheiratet und dies eingetragen, ebenso die Kinder, wäre auch eine groessere Handhabe vorhanden für die Frau, rein theoretisch ganz sicher. Nur so hat sie nichts in den Händen um klagen zu können, sollte dies überhaupt nützen.

Frau sein HaitiDie Situation der Frauen in Haiti wurde nach dem Erdbeben eher noch schlimmer, da viele Frauen ihre Kleinunternehmen, Ihre Arbeit oder Erwerbsmöglichkeit und ihr Zuhause verloren haben. Die untreuen und verantwortungslosen Männer, welche die Frauen immer wieder samt ihren Kindern dem Schicksal überlassen, sind für die Betroffenen und auch das Land selbst ein großes Übel.

Kinder und Ihre Mütter werden verurteilt in Armut zu leben. Das Resultat sind die vielen bettelnden Kinder auf der Straße, welche oft barfuß nach etwas Essbarem suchen in ihren schmuddeligen Kleidern. Die Not treibt sie an, aber nicht in die Schule und da jede Gelegenheit ergriffen wird zu überleben, ist es auch eine Leichtigkeit diese Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun die nicht rechtens sind.

Heirat ist kein Schutz. Die Männer halten es in Haiti nicht sonderlich mit der Treue und  in den meisten Fällen haben sie nebst der Ehefrau weitere Frauen nebenher. Ist die Frau klug, schweigt sie und nimmt diese Schmach hin. Dies ist immer noch besser als in der Armut zu versinken. Die Kinder bleiben in der Regel bei der Mutter und diese muss sich organisieren. Oft werden die Kinder bei Tante, Großmutter oder Nachbarn abgegeben damit man selbst arbeiten kann.

Frauen in HaitiViele Frauen kehren wenn es geht auch wieder nach Hause zurück zu ihren Eltern und wohnen dort. Man bildet Gemeinschaften um zu überleben. Männer werden dort immer weniger gesehen, die Frauen werden älter und haben keine Illusionen mehr, wollen nicht auch noch ihren kargen Rest verlieren. Die Männer ihrerseits suchen sich wieder jüngere Partnerinnen auf Zeit. Die versteckte Polygamie wird fortgesetzt.

Ein weiterer negativer Aspekt ist dann der, dass die Kinder nicht in einer erstrebenswerten Sozialstruktur aufwachsen, das Vaterbild fehlt und es entsteht schon beim Heranwachsen ein Manko. Ein ganzes Land verliert so die gesunde familiäre Struktur. Häusliche Gewalt und Missbrauch noch nicht einmal einkalkuliert, bei dieser Verhaltensweise gegenüber Frauen keine Seltenheit.

Kinder kommen ohne Dokumente zur Welt, werden nicht registriert und irgendwann steht man vor dem Punkt, dass sollten Dokumente benötigt werden, keine ausgestellt werden können. Vielleicht mit ein Grund, warum es so viele undokumentierte Bürger in und aus Haiti gibt.

Frauen in HaitiWürde man Familie, Kinder und damit auch die Frau besser schützen und achten, in jedem Fall zu dokumentieren und eintragen, könnte man schon viel von diesen üblen Folgen vermeiden. Müsste der Staat für die Waisen aufkommen, wäre dieser wohl sehr schnell bereit Abhilfe zu schaffen, doch man trägt dies alles auf den Schultern der Frauen aus. Frauen, die je höher der Bildungsgrad, sich nicht mehr binden wollen, die nicht mehr so einfach bereit sind Kinder zu haben und lieber alleine ihre Zukunft planen als sich dann gezwungen zu sehen, diese traurige Spirale fortzusetzen. Doch wer arm ist kommt in den wenigsten Fällen zu genug Bildung.

So wird es wohl noch dauern bis sich diese negative Situation verbessert und damit auch der erste und wichtigste Schritt gemacht ist der Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen in Haiti und damit auch der Armut im Land entgegen zu wirken.