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Die Geißel der Cholera

  • Kategorie: NPH

haiti cholera 01Die Morgenmesse wird immer von den Toten besucht. Wenn ihre Zahl über zehn geht, gibt es mehr Tote bei der Messe als Lebende.

Ich habe einen Brauch mit den Toten umzugehen. Ich meine damit nicht nur, ihre Körper vor der Messe auf den Boden der Kapelle zu legen um sie mit Leichentüchern zu bedecken.

 

Sondern in meinen Gedanken, ich versuche sie zu finden.

Das macht mir jede Person, während ihrer Totenmesse sehr bewusst, insbesondere seit dies ein tägliches Ereignis geworden ist und es verhindert, dass die Messe nicht nur noch zur Routine wird.

Also versuche ich die Toten zu erreichen.

Um das zu tun, reise ich in meinen Geist um sie zu finden. Ich stelle mir den Moment ihres Todes vor und versuche sie in diesem Moment zu sehen und ihnen Mitgefühl zu zeigen.

Ich stelle mir vor, dass sie noch nicht bereit waren zu sterben, ihre Verwirrung und ihre Angst, ihr Bedauern über ihr Leben. Ich stelle mir diejenigen vor, die sie zurückließen und ihren Wunsch, sich an ihnen festzuhalten. Ich versuche mir ihre ungeträumten Träume und ihr ungelebtes Leben vorzustellen, die noch nicht geteilte Liebe, die kurzen Freuden.

Und dann spreche ich mit ihnen, wie ein Bruder, ein Freund, ein Priester, ein Mitpilger und ich wünsche ihnen die tiefe Gewissheit des Glaubens, das Licht Gottes, den Trost der himmlischen Umarmungen, das Vertrauen, dass die Vorsehnung ihre Sorgen auf der Erde sehen wird. Und dann beginnt die Messe.

An einem dieser Tage, waren zwischen den Leichen, zwei kleine Särge. Die Familien der beiden Kleinen waren anwesend. Und als das rhythmische Klagelied der Kyrie begann, begann auch das unrhythmische Schluchzen der Mütter.

Während die Erlösungslieder gesungen wurden, der Weihrauch geschwenkt und die Toten mit Weihwasser besprengt wurden, übertönten weitere Chöre der Tränen und des Wehklagens die Liturgie und führten zu einem tiefen Ausdruck der Trauer.

Es dauerte so lange, dass ich einen Gedanken hatte...Täglich sind auch Kinder zu beerdigen

"Am Ende der Messe, wenn wir die Särge öffnen, möchte ich die Gesichter dieser Kinder sehen, die in ihrem kurzen Leben so viel Liebe erzeugt haben. Sie müssen wunderbar gewesen sein, um soviel Trauer auszulösen."

Das Sakrament war zu Ende und die Grabreden gesprochen und wir machten uns bereit für einen neuen Ausbruch der Klage, der die Öffnung der Särge immer begleitet.

Ich starrte auf die zarten, jungen Gesichter, die nicht einmal fünf Jahre ihres Lebens kennengelernt hatten und ich wurde von ihren tief eingesunkenen Augen durchbohrt.

Cholera, schon wieder,
Cholera der Dieb,
Cholera der Verbrecher, der Leben stiehlt.
Cholera, die vermieden, behandelt und sogar verjagt werden könnte.
Das heißt wenn man Glück hat.

Glück genug, sauberes Wasser, richtige Gemeinde-Abwassersysteme, humane Lebensräume und Zugang zum Gesundheitswesen zu haben.

Hier waren zwei Unglückliche,
auf dem Weg in den Himmel um Gott ihre eingesunkenen Augen zu zeigen
und in seine strahlenden zu schauen,
und die Herzen ihrer Familien zerrissen zurückzulassen.

Sie kamen zu spät zu uns, zu krank oder bereits tot.

Cholera ist gesund und munter. Diese beiden kleinen Kinder sind der aktuelle Beweis dafür.

Mit Bedauern und Empörung, lasst uns vereinbaren, weiter mit aller Kraft gegen diese Geißel zu kämpfen.

Mögen diese kleinen Kinder in Frieden ruhen und mögen ihre Seelen bei Gott, den zärtlichen Trost ihrer Mütter und Väter, ihrer Brüder und Schwestern, ihrer Familien und Freunde finden.

Fr Rick Frechette
Leiter von NPH Haiti, Priester und Arzt im St. Damien Kinderkrankenhaus in Tabarre
Oktober 2013